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Live-Blog: Bundesfrauenkonferenz in Bonn
In unserem Wahlkampf sprechen wir Grüne oft von unserem Green New Deal. Ein Green New Deal nicht nur für NRW, sondern für ganz Deutschland. Die Bundesfrauenkonferenz in Bonn greift den Green New Deal auch noch einmal unter dem Gender-Aspekt auf. Unser Deal ist nicht nur gut für das Klima, soziale Gerechtigkeit und unsere Konjunktur, sondern der Green New Deal ist auch ein guter Deal für Frauen.
Sylvia nimmt selbstverständlich an der Bundesfrauenkonferenz in Bonn teil und wird dieses Mal wieder von einem kleinen Team begleitet. Zum einen ist das Andre Moser, Sylvias Fahrer, und zum anderen ich, Kristina Beer, Volontärin der Grünen Pressestelle im Landtag. Zusammen versuchen wir ein möglichst lebendiges Bild von der Veranstaltung, aber auch von unserer Spitzenkandidatin zu geben.
Claudia Roth entlarvt Jürgen Rüttgers’ Alleinerziehenden-Kampagne
Die Bundesfrauenkonferenz ist um 12 Uhr gestartet. Momentan spricht Claudia Roth zu uns. Sie zieht Bilanz in der Frauenpolitik und lenkt auch den Blick auf die Bundes- und Landespolitik. Besonders ärgerlich ist für sie, dass Jürgen Rüttgers momentan eine Kampagne für Alleinerziehende macht, ohne für den Mindestlohn zu sein. Dass man auf der einen Seite feststellt, dass gerade Alleinerziehende oft in prekären Verhältnissen leben müssen, schlecht bezahlt werden und besonders eine flächendeckende Betreuung und den betreuten Ganztag in der Schule brauchen, und dann auf der anderen Seite beim Mindestlohn bremst, nur auf Tagesmütter setzt und den Ganztag blockiert – das ist heuchlerisch!
Auch für unsere Grünen Männer regt Claudia noch mehr Engagement für wahre Gleichberechtigung an. Damit spielt sie auch auf das Grüne-Männermanifest an. Gerade die Unterzeichner dieses Manifestes sollten und könnten nun voran schreiten und als Männer einfordern, dass Frauen endlich gleich bezahlt werden und nicht einen Abschlag von bis zu 23 Prozent des eigentlichen Lohnes hinnehmen müssen, nur, weil sie Frauen sind.
Ein Gleichstellungsgesetz ist Pflicht
Um Gleichberechtigung zu schaffen, brauchen wir ein richtiges Gleichstellungsgesetz für die Wirtschaft. Denn ohne Quotenregelung stoßen Frauen immer noch an die gläserne Decke, werden nicht richtig gefördert und schlechter bezahlt.
Claudias Rede war eine gute Einstimmung für die vielen Workshops, die die Bundesfrauenkonferenz anbietet. Unter anderem wird besprochen, ob das Alleinernährermodell am Ende ist, wie es möglich ist, Frauen zu mehr Unternehmensgründungen zu bewegen, und ob diese nicht auch gerade für Migrantinnen eine besondere Chance bieten. Ein dritter Workshop befasst sich mit der Frage, ob ein neues Frauenbild mit den Medien durchgesetzt werden kann. Außerdem wird noch die Vielfältigkeit von Familienformen besprochen und die neuen Jobs in neuen Branchen – auch für Frauen.
Der Schlüssel zum Erfolg

Astrid Rothe-Beinlich und Claudia Roth überreichen Sylvia den 'Schlüssel zum Erfolg', Foto: Christian Zett
Sylvia trifft durch einen Stau gerade noch zum Ende von Claudias Rede im Brückenforum in Bonn ein. Heute morgen machte sie noch in Solingen-Ohligs Wahlkampf in der Fußgängerzone. Direkt nach ihrem Eintreffen wird die Bundesfrauenkonferenz noch mit einer symbolischen Aktion eingestimmt. Claudia Roth und Astrid Rothe-Beinlich (frauenpolitische Sprecherin im Bundesvorstand der Grünen) überreichen Sylvia den ‘Schlüssel zum Erfolg’ für Gleichstellung.
Podiumsdiskussion: Grünes Wirtschaften
Um 13:30 Uhr wird auf dem Podium der Themenkomplex ‘Grünes Wirtschaften – sozial und gerecht’ diskutiert. Besonders der Mindestlohn und ein Gleichstellungsgesetz für die Privatwirtschaft werden hier noch einmal angesprochen. Ebenso werden aber auch flexible Arbeitszeitmodelle vorgestellt und die Biografien der Diskutierenden als Input eingebracht. Sibylle Stauch-Eckmann (Geschäftsführerin der ENDO-Klinik Hamburg) berichtet zum Beispiel von ihrem Werdegang als Ärztin mit Kindern. Annelie Buntenbach (DGB-Bundesvorstand) kritisiert besonders die Zunahme der Zeitarbeitsverhältnisse. Sie fordert mehr Regulierungen in der Zeitarbeit, mehr Absicherung für die Beschäftigten und einen Mindestlohn von mindestens 8,50 Euro. Es soll keine Beschäftigungsverhältnisse erster und zweiter Klasse geben. Ariane Durian, Bundesvorsitzende des Interessenverbandes Deutscher Zeitarbeitsunternehmen und Chefin des Personaldienstleisters Connect, erzählt, welche Erfahrungen sie als Unternehmensgründerin gemacht hat. Ihr besonderes Anliegen abseits von Frauenpolitik ist die bessere Förderung von Schülerinnen und Schülern.
Renate Künast: “Jeder Betrieb, auch jeder kleine, hat diese gläserne Decke”
Renate Künast gibt den letzten Input in die Runde. Sie fordert vor allem konkrete Politik, – auch wieder in Bezug auf das Männermanifest (s.o.). Das Männermanifest muss Konsequenzen nach sich ziehen. Besonders die Männer in den Grünen Fraktionen sollten nun nach vorne gehen und einen guten Deal für die Frauen machen. Also auch um Betreuungsplätze streiten und sich spezifisch für die Belange von Frauen einsetzen. Danach widmet sie sich der “Gläsernen Decke”. Für sie ist klar: “Jeder Betrieb, auch jeder kleine, hat diese gläserne Decke”. Sie zählt die verschiedenen Gründe auf, die Männer gerne anbringen, um die gläserne Decke entweder zu marginalisieren oder sogar zu verteidigen. Gleichzeitig kritisiert sie aber auch die Frauen, die grundsätzlich davon ausgehen, dass es in jedem Fall eine gläserne Decke geben muss und deswegen das Kämpfen nicht mehr lohnt. Männer wie Frauen können in eine reflexive Haltung verfallen und damit Grenzen verfestigen.
Klassische Frauenberufe sind besonders von Lohndumping und Zeitarbeit betroffen
Um die Zeitarbeit entbrennt schnell eine engagierte Diskussion. In deren Kontext wird auch hinterfragt, in welcher Weise Zeitarbeit in sozialen Bereichen eingesetzt wird. Zum einen wird die Arbeit, die nah am Menschen ist, ohnehin schlecht bezahlt, da sie als klassischer Frauenberuf gedeutet wird. Zum anderen wird aber gerade auch in diesem Bereich auf die noch schlechter bezahlte Zeitarbeit umgestellt. Renate spitzt die Debatte an: Wieso gibt es im Pflegeheim Zeitarbeit, obwohl dort im Grunde nur feste Arbeitsstellen durch Zeitarbeiter ersetzt werden? Auch hinterfragt sie die Finanzierung in sozialen Bereichen. Feste Pauschalen werden überwiesen, was mit dem Geld genau passiert, wird aber nicht aufgeschlüsselt. Annelie Buntenbach kritisiert in diesem Zusammenhang erneut, dass es immer öfters passiert, dass Festangestellte gekündigt werden und sich drei Monate später auf der gleichen Arbeitsstelle als Zeitarbeiter wieder finden, aber ein Drittel weniger verdienen.
Deutschland – abgeschlagen bei der Lohngerechtigkeit und Gleichberechtigung
Ariane Durian glaubt nicht an eine Quote, aber muss sich schnell großer Kritik aussetzen. Als Selbstständige erlebt sie weder die gläserne Decke, noch Lohnabschläge aufgrund des Geschlechts. Es werden von den Referentinnen und Zuhörerinnen starke Plädoyers für die Frauenquote gehalten, auch von Frauen, die ohne Quote ihren Weg machen konnten. In der Diskussion um Lohndumping wird auch darauf hingewiesen, dass mittlerweile Deutschland in der europäischen Union als der Standort gilt, der die Preise kaputt macht. Prekäre Arbeitsverhältnisse und ein fehlender Mindestlohn – das sind deutsche Probleme. Aus diesem Grund ist es auch falsch, davon auszugehen, dass Zuwanderer die Preise in Deutschland kaputt machen oder Arbeitsplätze wegnehmen. In anderen Ländern kann man besser verdienen als hier – und Frauen werden oft sogar noch mehr unterstützt. Allein die Betreuungsquote in Frankreich sollte ein Mahnmal für Deutschland sein.
Bildungspolitik und Genderfragen – Podiumsdiskussion mit Sylvia Löhrmann, Julia Karnick und Verena Schäffer
Unter der Moderation von Steffi Lemke beginnt um 17:30 Uhr die zweite Podiumsdiskussion. Sylvia gibt den ersten Input. Sie gibt zu bedenken, dass besonders im Bildungssystem die Unterschiede zwischen Männern und Frauen, Jungen und Mädchen ernst genommen werden müssen, ohne die Gleichstellung aus den Augen zu verlieren. Das bedeutet zum Beispiel auch, dass in der Gleichstellungsdebatte beachtet werden muss, dass man Kinder nicht dazu zwingen kann, sich für Berufe zu interessieren, die momentan spezifisch männlich oder weiblich sind. Vielmehr muss das Lehrpersonal so qualifiziert werden, dass die Heterogenität der SchülerInnen bewusst wahrgenommen wird und Jungen und Mädchen Gleichberechtigung und Gleichstellung als Selbstverständlichkeit kennen lernen, aber auch nach ihren besonderen – auch geschlechtsspezifischen Bedürfnissen – angesprochen werden.
Die Jobwahl – determiniert oder wandelbar?
Julia Karnick wird von Steffi Lemke zunächst auf ihre letzten Publikationen zu Bildungsthemen angesprochen. Besonders die Schulentwicklung in Hamburg wird kurz aufgegriffen. Verena Schäffer wird zum Ausbildungsreport befragt, der im letzten Jahr festgestellt hat, dass gerade Mädchen und junge Frauen schon in der Ausbildung 22 Prozent weniger Vergütung bekommen und die Berufe ergreifen, die auch in der Zukunft zu prekären Beschäftigungsverhältnissen führen. Verena glaubt, dass schon in der Berufsberatung nachgesteuert werden muss. Das Berufswahlverhalten muss aufgebrochen werden und das sollte man bereits in der Schule versuchen.
Steffi fragt nach, ob nicht auch in der Gesellschaft gerade Frauenberufe weniger anerkannt werden. Verena unterstützt diese Annahme, aber weist nochmals darauf hin, dass junge Frauen auch stärker darüber aufgeklärt werden müssen, welche Zukunft ihnen momentan mit einer bestimmten Berufswahl oder der Wahl eines bestimmten Studiengangs droht. Hier stellt sich allerdings die Frage, ob Deutschland dann in Zukunft kaum mehr Pflegekräfte oder Friseurinnen hätte? Wieder ein Plädoyer für den Mindestlohn und die gesellschaftliche Aufwertung von klassichen Frauenberufen.
Wirtschaftsfaktor Bildung, Leistungsdruck und Bildungsziele
Julia Karnick greift noch einen anderen Punkt auf, der oft in der öffentlichen Debatte nicht hinterfragt wird. Wenn Frauen von der Wirtschaft aufgefordert werden, mehr technische und naturwissenschaftliche Berufe zu erlernen, dann gibt es einen ökonomischen Bedarf, der Frauen – ebenso wie Männer – nur als Produzenten und Arbeitende betrachtet. Auch durch solche Debatten verlieren gerade die Kulturwissenschaften, musische und künstlerische Ausbildungen an wirtschaftlichem Wert. Karnick spricht sich deswegen klar dafür aus, dass es im Bildungssystem niemals eine völlige Ausrichtung an Wirtschaftsinteressen geben darf.
Auch schließt sie sich Sylvias Meinung an, dass der Druck, nur leisten zu müssen, abgeschwächt werden muss, denn gerade durch das G8 wird deutlich, dass erhöhter Leistungsdruck nicht zu mehr Leistung führt. Dass der Leistungsdruck generell zugenommen hat und schon von der Kita an zu spüren ist, wird von allen Diskussionsteilnehmerinnen bestätigt. Allerdings stellt Julia Karnick auch fest, dass der Druck, etwas zu leisten, nicht ganz verschwinden darf. Dass aber auch hier Jungen und Mädchen eine differenzierte Ansprache brauchen, ist klar.
Reaktionen auf den Input
Nach Eingabe des Inputs meldet sich von den ZuhörerInnen direkt eine selbstständige Psychotherapeutin, die die Forderung nach weniger Leistungsdruck – auch gerade durch das G8 – unterstützt. Außerdem brauchen aufwachsende Mädchen und Jungen anwesende Väter, mehr männliche Mitarbeiter in Kitas und in Grundschulen. Steffi Lemke kann hier sofort einlenken. Es ist seit langem eine Grüne Forderung, mehr Männer in Betreuungsberufe und in die frühkindliche Bildung zu bringen. Dadurch, dass aber gerade auch in diesem Bereich die Bezahlung geringer ist als z.B. in der Hochschulbildung, ist der Anreiz für Männer nicht groß, in die frühkindliche Bildung einzusteigen. Sylvia hatte genau zu diesem Thema auch schon einen Input gegeben. Die Betreuung von Kleinkindern wird in Deutschland oft als eine Aufgabe betrachtet, die nicht gut entlohnt werden muss, da Mütter diese Arbeit ohnehin umsonst leisten. ErzieherInnen verdienen dementsprechend wenig Geld. Dass aber gerade im Vor- und Grundschulbereich der Grundstein für eine erfolgreiche Bildungskarriere gelegt wird, wird nicht anerkannt und auch nicht in der Entlohnung angepasst. Hier möchte Grüne Politik nachsteuern. So kann auch mehr Bildungsgerechtigkeit zwischen Jungen und Mädchen erreicht werden, da eine geschlechterspezifische Bildung mit mehr Männern wesentlich gerechter gestaltet werden könnte.
Abschluss der Podiumsdiskussion
Sylvia versucht am Schluss noch einmal zwei Fragen zu beantworten. Sie formuliert die erste Frage selbst: “Wie kann man Rollenbilder knacken?” Bei der Beantwortung unterstreicht sie, dass Erziehung nicht nur in Bildungseinrichtungen stattfindet, sondern vor allem in der Gesellschaft geschieht: Was transportiert die Werbung? Was wird von den Eltern adaptiert? Geschlechterrollen also nur über das Bildungssystem aufbrechen zu wollen, ist zu kurz gedacht und überschätzt den Einfluss von Lehrplänen. Vor allem muss den Kindern die Möglichkeit gegeben werden, Erfahrungen zu machen, die ihnen vorher durch enge Geschlechterbilder nicht zugänglich gemacht wurden.
Der zweite Punkt betrifft die Angestellten im Erziehungsbereich. Für Sylvia ist es auch zu kurz gedacht zu sagen: Wir wollen mehr Männer in diesen Berufen, also müssen wir nur wegen Männern die Bezahlung verbessern. Stattdessen muss die Bildung in der gesamten Gesellschaft aufgewertet werden und nur deswegen besser bezahlt werden, da diese Jobs anspruchsvoll, verantwortungsvoll und für die Gesellschaft von unerläßlichem Wert sind. Darin unterstützt sie auch die Forderung der restlichen Frauen, dass die Wertschätzung von Bildung auch dadurch deutlich gemacht werden muss, dass ein gutes Bildungssystem auch ausreichend finanziell getragen werden muss.
Die Podiumsdiskussion ist leider zeitlich begrenzt. Trotzdem wird noch versucht, alle restlichen Wortmeldungen aufzunehmen und zu beantworten. Nach der Podiumsdiskussion folgt ein Abendprogramm mit Abendessen und Unterhaltung. Zum Abschluss des ersten Tages der Bundesfrauenkonferenz gibt es hier noch ein schönes Abschlussbild. “Der Schlüssel zum Erfolg” ist fest in Frauenhänden.











LIebe Sylvia, liebe Kristina!
bei der heutigen Podiumsdiskussion zur guten Arbeit mit Dr. Ines Kappert (Taz) wurde von mir auch nochmal eine Brücke geschlagen zwischen dem Kampf für besser bezahlte Arbeit, ‘Elitebildung’ und dem dreigliedrigem Schulsystem. Die frühe Selektion führt meiner Meinung auch zu einer ungesunden Abschottung der sog. Eliten von dem Rest der Welt. SchülerInnen wie Eltern werden dadurch nicht konfrontiert mit den Anliegen der Menschen, die ohne höheren Bildungsabschluss sind. So entsteht auch Unverständnis auf beiden Seiten. Wenn unsere Kinder länger gemeinsam lernen, sind wir auch als Eltern gezwungen genau hinzusehen und uns einzusetzen für diejeniegen, die nicht die selben Chancen haben.
Also: wir machen das mit der Schule für alle Kinder – weil es auch für die Eltern und das gesellschaftliche Klima wichtig ist.
Danke, dass ihr da wart. Wir sehen uns auf dem Länderrat in Köln.
Viele Grüße
Judith
Geschrieben von Judith Hasselmann am 18. April 2010 um 18:19 Uhr