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Planen Grüne in NRW Gemeinschaftsschulen?

Unter dem 10. Februar 2010 ging folgende Frage bei mir ein:

 

Sehr geehrte Frau Löhrmann,

als langjähriger Wähler der Grünen, der sich dem bürgerlichen Lager zurechnet, habe ich mit “Entsetzen” zur Kenntnis genommen, dass auch die NRW-Grünen eine Gemeinschaftsschule planen, und zwar noch über das Hamburger Modell hinaus. Trifft dies tatsächlich zu? Wie stehen Sie zum Gymnasium und zum Elternwahlrecht? Ich würde es wirklich sehr bedauern, wenn die Grünen hier den Fehler der SPD wiederholen würden, die für weite Teile der Bevölkerung durch ihre Gesamtschuldoktrin schlechthin unwählbar wurde.

Mit freundlichen Grüßen

Meine - diesmal sehr ausführliche – Antwort lautet:

 

Sehr geehrter …,

vielen Dank für Ihre Nachricht, Ihr Interesse und Ihren Besuch auf meiner Internetseite. Wegen der Karnevalstage komme ich leider jetzt erst dazu, Ihnen zu antworten, möchte dies aber gern etwas ausführlicher tun.

Es trifft zu, dass Grüne für längeres gemeinsames Lernen eintreten, allerdings nicht doktrinär, sondern verstanden als “Ermöglichungspolitik”.

Ich möchte gerne die für Ihre Frage wesentlichen Punkte aus dem Anfang Februar verabschiedeten Landtagswahlprogramm zitieren (und möchte dabei besonders den Punkt “Wir lassen die Schule im Dorf” hervorheben):

Schule der Zukunft: leistungsstark – vielfältig – gerecht

Wir Grünen wollen ein gerechtes, Individualität und Leistung förderndes Schulsystem für NRW, das Kinder und Jugendliche ermutigt und stärkt. Wir wollen die Schule von Grund auf neu denken und gestalten. Dabei greifen innere und äußere Schulreform ineinander:

Individuelle Förderung – Gemeinschaft erleben und gestalten: gemeinsam lernen bis zum Ende der Pflichtschulzeit!

In Ganztagsschulen Zeit und Raum schaffen für das bessere Lernen: Schule als Lern- und Lebensort!

Voneinander und miteinander lernen – Respekt, Wertschätzung und Beteiligung prägen die neue Schulkultur: Es ist normal, verschieden zu sein!

Die neue Schule erkennt die Verschiedenheit der Schülerinnen und Schüler an, bringt ihnen Wertschätzung entgegen und ermöglicht vielfältige Lernwege.

Bildung ist mehr

Eine gute Schule zeichnet sich durch eine Kultur von Anerkennung und Wertschätzung der Verschiedenheit aus. Wir haben einen ganzheitlichen und umfassenden Bildungsbegriff, der Bildung als Wert an sich betrachtet – auch jenseits ökonomischer Verwertbarkeit. Bildung ist mehr als der Fertigkeitserwerb für einen Beruf. Soziales und emotionales Lernen gehört zur Entwicklung der Persönlichkeit ebenso wie kritisches und kreatives Denken. In die Schule gehört das Entdecken und Forschen, der Respekt vor Tieren sowie das Erleben von Natur und Bewegung, Kunst, Musik und Theater. Kinder sollen nicht nur das Lesen, Schreiben, Rechnen lernen, sondern auch singen, musizieren, malen, sich bewegen, handwerkliche und technische Kompetenzen entwickeln und vieles mehr. Lernen muss Sinn machen, Kinder und Jugendliche sollen lernen, das eigene Leben in die Hand zu nehmen. Interkulturelles Lernen gehört ebenso dazu wie das Lernen und Leben von Demokratie. Lebensgestaltungs- und Nachhaltigkeitskompetenzen, z. B. Ernährung, Gesundheits- und Verbraucherbildung, gehören ebenso zu einem umfassenden Bildungsauftrag. Für diese vielfältigen Aufgaben wollen wir die Schulen besser ausstatten. Wir wollen die Ausgaben des Landes für den Bildungsbereich auf international vergleichbares Niveau anheben und kleinere Klassen ermöglichen. Der Einsatz von Sozial- und Sonderpädagoginnen und -pädagogen, Schulpsychologinnen und –psychologen und anderen pädagogischen Professionen soll an allen Schulen die Regel werden. Die zusätzlichen Stellen wollen wir nicht auf die Lehrerinnen- und Lehrerstellen anrechnen. Noch immer hängt der Bildungserfolg von der sozialen Herkunft der Kinder und Jugendlichen ab. Kinder werden im Alter von nicht einmal neun Jahren einem Ausleseprozess unterworfen. Wir müssen an den Schulen Schluss machen mit dem Abschulen, Aussortieren und Beschämen. Wir müssen aufhören zu fragen: Zu welcher Schulform passt das Kind?

Schulklima, Lernkultur und Beteiligung

Die Qualität von Schule wird wesentlich von Schulklima und Lernkultur bestimmt. Dies schließt die Partizipation von Eltern, Schülerinnen, Schülern und Lehrkräften ein. Wir wollen die Drittelparität in der Schulkonferenz wieder einführen, um den Schülerinnen und Schülern sowie den Eltern eine gleichberechtigte Teilhabe an wichtigen Entscheidungen zu ermöglichen. Nur wer Verantwortung bekommt, lernt verantwortliches Handeln. In der neuen Schule sind Eltern willkommen und wertgeschätzt. Sie können ihre Kompetenzen auf Augenhöhe einbringen und sollen – wo nötig – Unterstützung erhalten. In allen Schulen muss es multiprofessionelle Teams geben, die die Bildungsarbeit insgesamt unterstützen. Lehrkräfte sollen sich stärker auf ihre Aufgabe als Expertinnen und Experten für das Lernen konzentrieren können. Den Einfluss und die Teilhabe der Eltern auf Landesebene wollen wir durch einen Landeselternrat stärken.

Gute Schule wird vor Ort gemacht

Wir Grünen wollen Schluss machen mit der Gängelung durch die Schulbürokratie. Wir vertrauen auf die engagierten Expertinnen und Experten in den Schulen und wollen sie in ihrer pädagogischen Kompetenz ermutigen und stärken. Für eine gelingende Schulentwicklung müssen Schulleitung, pädagogisches und nichtpädagogisches Personal, Schülerinnen und Schüler sowie die Eltern partnerschaftlich kooperieren.

Die gemeinsame Schule für alle Kinder

 Das vielgliedrige Schulsystem ist längst an seine Grenzen gestoßen. Es fördert weder die starken noch die schwachen Schülerinnen und Schüler so, wie es nötig und möglich wäre. Bessere Förderung und damit bessere Leistungen sind nicht durch das Sortieren neunjähriger Kinder zu erreichen. Es kommt darauf an, die neue Lernkultur mit einer förderlichen neuen Schulstruktur zu verbinden. Jede Schule fördert jedes einmal aufgenommene Kind bis zu einem qualifizierten Schulabschluss. Nicht mehr das Aussortieren und Abschulen, sondern eine individuelle Förderung muss die Schule prägen. Wir wollen Lernbarrieren abbauen und eine gemeinsame Schule für alle Kinder bis zum Ende der Pflichtschulzeit schaffen. Eine Schule der Sekundarstufe II, die zur Fachhochschul- oder allgemeinen Hochschulreife führt bzw. ein berufsbildendes Profil anbietet, schließt sich an. Ein integratives Schulsystem wird zwar mit klaren landespolitischen Zielen und Vorgaben entwickelt und gesteuert, aber es kann nur von unten wachsen, denn wir müssen alle Beteiligten einbinden. Deshalb gestalten wir Grünen einen Prozess, der bei den Kommunen ansetzt. Wir werden die bestehenden zentral vorgegebenen Schranken der Schulformen öffnen, damit sich das verkrustete Schulsystem in NRW mit dem demografischen Wandel, dem Schulwahlverhalten der Eltern und der zunehmenden kommunalpolitischen Bedeutung von Schulen am Ort zu einem System mit längerem gemeinsamem Lernen verändert. Wir werden die verbindlichen Grundschulgutachten und den Prognoseunterricht umgehend abschaffen. Unser Ziel ist ein Schulsystem, das nicht aussondert. Wir wollen Gemeinschaftsschulmodelle ermöglichen. Wir wollen jedes Jahr mindestens zehn Prozent der Schulen dafür gewinnen, sich auf den Weg zur Schule der Zukunft zu machen. Den Prozess hin zu einem integrativen Schulsystem wollen wir aktiv unterstützen und mit Anreizen versehen. Zentral sind dafür folgende Maßnahmen:

Wir lassen die Schule im Dorf

In den Städten und Gemeinden Nordrhein-Westfalens entwickelt sich das Schulsystem längst weiter: Viele wollen die Bildungsgänge zusammenführen, durchlässige Verbundschulen oder Gemeinschaftsschulen gründen. Für die Kommunen ist es ein handfester Standortfaktor, ob Schülerinnen und Schüler vor Ort alle Bildungsabschlüsse erreichen können. Wir wollen den Kommunen die Möglichkeit geben, in Absprache mit den örtlichen Schulen selbst darüber zu entscheiden, alle weiterführenden Bildungsgänge organisatorisch und pädagogisch zusammenzuführen. Nur so bleibt in NRW die Schule im Dorf, nur so ist gewährleistet, dass vor Ort ein vollständiges, wohnortnahes Schulangebot mit allen Bildungsabschlüssen erhalten bleibt. Wer das Gymnasium von Verbünden ausschließt, behindert gymnasiale Bildung gerade im ländlichen Raum, verhindert die erforderliche qualitative Schulentwicklung und raubt den Kommunen einen Standortfaktor.” (den kompletten Programmtext finden Sie unter http://www.gruene-nrw.de/themen/programm/kluges-nrw.html)

Ich hoffe, es ist mir gelungen, unseren Weg etwas klarer zu machen. Gute Schule findet im übrigen auch jetzt schon statt (vgl. die Filme von Reinhard Kahl, “Treibhäuser der Zukunft”, z.B. unter http://www.archiv-der-zukunft.de/) und verlangt nach engagierten Mitwirkenden vor Ort. Sie kann, so ist unsere Einsicht, nicht von “oben” verordnet werden. Dazu können Sie auch (u.a.) meine Rede http://sylvia-loehrmann.de/254/die-grune-schuloffensive-nrw/ nachlesen.

Am 21. März veranstalten die Grünen in Gelsenkirchen einen großen Bildungskongress in der Evangelischen Gesamtschule (10-17 Uhr), zu dem ich Sie recht herzlich einlade. Näheres dazu bald auf meiner Seite und (vorläuftige Einladung) unter http://www.gruene.de/einzelansicht/artikel/gruener-bildungskongress-in-gelsenkirchen.html

Bis dahin grüßt herzlich

SL